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Die Wut, die ich erst spät verstand

Posted on 10. Februar 202525. Juni 2025 by Marie

In einem historischen Text, den wir in einem Seminar in der Kriminologie, besprachen, wurde das N-Wort genutzt. Eine Kommilitonin bat darum, vor der Verwendung solcher Begriffe gewarnt zu werden. Meine Reaktion war: „Wer keine Originalbegrifflichkeiten abkann, sollte nicht Kriminologie studieren.“ Ich war wütend und genervt.

Heute blicke ich auf diese Situation mit neuem Wissen zurück und schäme mich. Mittlerweile habe ich gelernt, dass Schuld und Scham, wenn man seine eigene rassistische Sozialisierung aufarbeitet, dazu gehört.

In dem Seminar, in dem wir die Theorien von Cesare Lombroso behandelten, wurde in einem historischen Text das N-Wort verwendet. Es wurde in voller Schreibweise und Länge abgebildet und nicht zensiert, ebenso wenig fand eine historische Einordnung statt. Diese Merkmale waren jedoch höchst spekulativ und hatten keinerlei wissenschaftliche Grundlage. Seine Beiträge sollten später den Nationalsozialisten später als Grundlage für ihre rassenbiologischen Theorien dienen.

Meine Reaktion löste viele Reaktionen aus – sowohl Zustimmung, als auch Ablehnung, sowie der Vorwurf unsensibel zu sein. Was wiederum dafür sorgte, dass ich reflexartig in eine Abwehrhaltung verfiel. Es folgte eine hitzige Debatte, in der ich innerlich absolut davon überzeugt war, dass ich doch eine total anti-rassistische Haltung habe und ich doch nicht die böse sei, sie nur viel zu sensibel.

Erst einige Jahre später verstand ich, dass das Teil meiner Abwehrhaltung war, nicht als Rassistin, dazustehen. Und auch erst einige Jahre später verstand ich, dass Wut eine häufige Reaktion ist, wenn auch nur im Ansatz das Risiko besteht als Rassist*in zu gelten.

Auch erst einige Jahre später verstand ich, wieso weiße Menschen das N-Wort weder ausschreiben, noch nennen sollten.

Heute finde ich meine Reaktion absurd. Heute verstehe ich, dass man mich vermutlich nicht als ganze Person als Rassistin sah, sondern man in einem Moment eine rassistische Aussage von mir kritisierte. Aber es brauchte fast fünf Jahre für mich, in denen ich lernte das zu verstehen.

Es war das Buch exitRacism von Tupoka Ogette, dass mir half zu verstehen, warum ich in vielen Momenten, wenn es um Rassismus ging, emotional reagierte – mit Wut. Sie fand Worte, die mir bisher fehlten – und mir wurde klar, dass meine Art und Weise vor vielen Jahren in diesem Seminar zu reagieren, der Art und Weise entspricht, wie viele weiße Menschen reagieren, wenn sie mit rassistischer Kritik konfrontiert werden.

Mir wurde klar, dass Wut und Empörung nicht selten, sondern häufig sind. Dass die Verteidungshaltung normal, nicht die Abweichung ist. Dass das Negieren der Standard, nicht die Ausnahme ist.

Der Wut und Abwehr folgte meine Empörung, danach Scham und dann die schuldhaften Gefühle. Auch damit bin ich nicht alleine. Auch das ist etwas, das eine häufige Reaktion weißer Menschen ist.

Es gibt mittlerweile verschiedene wissenschaftliche Theorien, die das Abwehrverhalten weißer Menschen erklären, wenn sie mit rassistischer Kritik konfrontiert werden. Eine der bekanntesten ist das Konzept der „White Fragility“ (weiße Fragilität) von Robin DiAngelo.

Ein Teil meiner Reise ist es, Rassismus anzuerkennen und die Fähigkeit zu erlangen, meine eigene Sozialisation kritisch zu analysieren und zu reflektieren. Erst nach vielen Jahren wurde mir klar, dass das Anerkennen von Rassismus als System grundlegend und zugleich wichtig für dessen Dekonstruktion ist.

Auch wenn ich heute an einem anderen Punkt stehe, bedeutet das nicht, dass ich nicht immer wieder in alte Muster zurückfalle. Immer wieder spüre ich Wut, bin verärgert und fühle mich schuldig. Mittlerweile habe ich jedoch gelernt, dass diese Emotionen nicht die Verantwortung meines Gegenübers sind. Mittlereile habe ich gelernt, dass ich sensibel reagieren kann. Ich habe mittlerweile gelernt, als erstes zu akzeptieren, was mein Gegenüber sagt. Ich streite es weder ab, noch verteidige ich mich. Ich höre zu.

Natürlich gelingt mir das nicht immer perfekt. Je nach Tagesform kann ich mal einfühlsamer, mal weniger einfühlsam reagieren. Auch das versuche ich dann transparent zu machen. Bei Menschen, die mir nahestehen, kann ich mittlerweile sagen: „Ich fühle mich gerade unglaublich schuldig“ oder „Das macht mich gerade so wütend, ich kann im Moment nicht gut reagieren und möchte das Gespräch später fortsetzen.“

Dabei möchte ich diese Gefühle nicht zum Mittelpunkt machen – der Ausdruck meiner Gefühle soll lediglich ermöglichen, das Gespräch zu pausieren, damit ich meine Emotionen regulieren und Verantwortung für mein Handeln übernehmen kann. Ich versuche darauf zu achten, dass die eigenen Gefühle und Perspektiven nicht das Gespräch dominieren. Ich möchte es zukünftig Schaffen, den Raum für die Erfahrungen und Stimmen von Betroffenen offenzuhalten.

Rassist sein vs. rassistische Sozialisierung

Posted on 3. Februar 202525. Juni 2025 by Marie

Wir alle haben gelernt rassistisch zu sein. Das Erlernen von Rassismus passiert ganz von alleine. Weder du noch ich mussten dafür etwas tun. Es reicht das ganz normale Aufwachsen in unserer Gesellschaft. Aber warum ist das eigentlich so und sind wir deswegen jetzt Rassist*innen?

Rassist*innen sind die auf Sylt, Rassist*innensind oft die Anderen, Rassist*innen sind die echten Bösen, aber doch nicht ich. Diese einseitige Sichtweise auf Rassismus führt dazu, dass wir ein wichtiges Phänomen übersehen: den Alltagsrassismus. Alltagsrassismus ist der subtile Rassismus, der durch unsere rassistische Sozialisation entsteht. Durch unsere Prägung. Unsere Umgebung. Durch unsere Sprache. Durch Witze. Durch vermeintlich gut gemeinte Kommentare. Durch das, was wir in der Schule lernen. Durch das, was wir im Kindergarten lernen.

Wir alle haben die Fähigkeit, rassistisch zu denken. Und tun das. Alle. Und dabei ist Alltagsrassismus neben institutionellem, diskursivem und strukturellem Rassismus nur eine der Formen von Rassismus, die sich auf BIPoC auswirken.

In meiner Kinderheit fragte ich Schwarze Personen, warum ihre Haut schmutzig sei – nicht nur einmal und ob man dies abwaschen könnte. Es war nicht rassistisch, weil es verletzend ist, sondern es verletzte, weil es rassistisch war. Doch was genau ist nun an dieser Aussage rassistisch?

Zum einen assozierte ich ihre Hautfarbe mit Schmutz, was abwertend und falsch ist. Zum anderen impliziert es, dass weiße Haut sauber ist. Ich fragte diese Frage, weil weiße Menschen für mich die Norm waren. Ihre Hautfarbe war eine Abweichung für mich. Und genau darin liegt der rassistische Kern der Sache: Durch mein Art zu denken, wurde sie benachteiligt – ganz klar, denn weiße Kinder fragte ich nie diese Frage. Sie hatten das Privileg, dieser Frage nicht ausgesetzt sein zu müssen.

Wir nehmen Vorurteile und Stereotypen in unser Denkmuster auf – oft  unbemerkt. Die Annahme, die Haut Schwarzer Menschen sei schmutzig, ist eine rassistische Vorstellung, die ihren Ursprung im Kolonialismus hat. Damit verletzen wir andere Menschen, damit habe auch ich Menschen verletzt, ausgeschlossen und benachteiligt – ohne es überhaupt zu wollen.

Wie tief meine eigene rassistische Sozialisierung sitzt, wurde mir erst vor anderthalb Jahren bewusst, als ich das Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ von Alice Hasters las. Seitdem frage ich mich nicht mehr, ob ich rassistisch bin, sondern wann, wo und warum ich rassistisch denke oder handle. Ich hinterfrage mehr und mehr  mein eigenes Denken und wann ich unbewusste Vorurteile, Stereotype und rassistische Bilder übernehme.

Ich habe verstanden, dass mich ein rassistischer Gedanke allein mich nicht zu einer Rassistin und auch nicht zu einem schlechten Menschen macht. Aber ich erkenne, dass ich zu einer Rassistin werden kann, wenn ich diese Gedanken zulasse, sie nicht hinterfrage und basierend auf ihnen Entscheidungen treffe.

Ich habe verstanden, dass ich etwas gegen meine eigene rassistische Sozialisierung tun kann. Bewusstmachung und Bildung sind  wichtige Schritte, um Vorurteile, Stereotypen und rassistische Bilder, die ich gelernt und übernommen habe, abzubauen. Ich habe verstanden, dass der Kampf gegen die eigene rassistische Sozialisierung ein ewiger Lernprozess ist. Ich habe verstanden, dass ich antirassistisches Denken aktiv lernen muss.

Ich habe gelernt, dass die eigene rassistische Sozialisierung gesellschaftlich und historisch gewachsen ist. Das man aber auch neue Denkmuster erlenen kann. Das Problem ist, nichts dagegen zu tun, sich zurückzulehnen und zu sagen, „aber die anderen sind doch die Rassist*innen“. Denn eben jene Kommentare, Mikroaggresionen im Alltag und das Reproduzieren von rassistischen Bildern benachteiligen Menschen immer und immer wieder.

Warum betreibe ich als weiße Person diesen Blog?

Posted on 3. Februar 202525. Juni 2025 by Marie

Ich bin eine weiße Frau und werde in diesem Blog Rassismuskritik thematisieren. Ist das Bildungsarbeit und sollte ich das als weiße Person überhaupt? Nun, wie so oft ist die Antwort: „Es kommt darauf an, …“. Motivation, Selbstreflexion, Perspektive, Wissen und Verantwortung sind entscheidend.

Und das, ich gebe es zu, löst erst einmal in mir eine Menge Unsicherheit aus. Doch gleichzeitig habe ich in den letzten zwei Jahren viel gelernt und Menschen in meinem engen Umfeld getroffen, die mir neue Perspektiven und Erfahrungen eröffnet haben. Nicht zuletzt verdanke ich es meinem Partner, einem Schwarzen Mann, dass ich sehr viel über Rassismus gelernt habe.

Dies motiviert mich auf individueller Ebene, aktiv zu werden – trotz meiner Unsicherheiten. Denn diese Unsicherheit halten mich dazu an, kritisch mit mir selbst umzugehen. Und mich und meine Motivation, meine Position und meine Privlegien zu hinterfragen.

Neben meiner persönlichen Motivation gibt es auch eine gesellschaftliche Realität, die es notwendig macht, die Perspektiven diskriminierter Gruppen in den Vordergrund zu stellen. Es ist der 2. Februar 2025. Wir stehen kurz vor der Bundestagswahl. Die AfD hat laut Umfragen 20% Zustimmung. Gleichzeitig demonstrieren seit dem Sommer 2024 Hunderttausende Menschen gegen den Rechtsruck in unserem Land. Ich bin überzeugt, dass solange Menschen auf die Straße gehen müssen, wir mit rechtem Denken und damit verbundenem Rassismus kämpfen müssen. Und ich bin überzeugt, dass es nicht nur eine gesellschaftliche, sondern auch eine individuelle Verantwortung gibt, sich zu hinterfragen: „Welchen Beitrag kann ich dazu leisten?“

Ich möchte klar stellen: Meine Stimme ist nicht wichtiger, als die von Betroffenen. Sie ist eine Stimme, die den Erfahrungen und Perspektiven Betroffener zustimmt, diese anerkennt und etwas verändern möchte.

Ich bin bereit Verantwortung zu übernehmen, wenn ich in meiner Arbeit, auf diesem Blog, Fehler begehe. Scham und Frustration, die im ersten Moment eine Abwehrhaltung auslösen, können dabei aufkommen. Das ist mir bewusst. Doch am Ende wird es mich wieder ein Stück weiterbringen und mir neue Erkenntnisse schenken.

Und zu guter letzt hat mir auch niemand versprochen, dass es einfach ist ein rassismuskritisches Leben zu führen. Im Gegenteil, es kann in vielen Momenten frustrierend, einsam und traurig sein. Doch sich dieser Herausforderung nicht zu stellen, würde für mich bedeuten, mich auf meinen weißen Privilegien auszuruhen.

Wissenslücken kolonialer Vergangenheit

Posted on 25. Juni 202525. Juni 2025 by Marie

Ich packe das Paket aus. Es kam gerade per Post an. Ich kann es kaum erwarten. Es ist das Buch „Plantation Memories – Episodes of Everyday Racism“ von Grada Kilomba. Eine Mitarbeiterin der Fasiathek, einem Lernzentrum mit Präsenzbibliothek in Hamburg, hat es mir empfohlen. Ich blättere durch und fange an, ein paar Zeilen anzulesen, das mache ich immer gerne, wenn ich ein neues Buch in der Hand halte. So gewinne ich einen ersten Eindruck vom Schreibstil. Ich lese:

„Every semester, on the very first day of my seminar, I quiz my students to give them a sense of how knowledge and racial power intertwine. We first count how many people are in the room. Then I start by asking very simple questions: What was the Berlin Conference 1884-5?”

Im Kopf sage ich mir: Das war die Konferenz, in der Afrika durch Kolonialmächte, federführend durch Bismarck aufgeteilt wurde.

Ich lese weiter im Buch:

„Which African countries were colonized by Germany?”

In meinem Kopf fange ich an aufzuzählen: Ruanda, Togo, Namibia … und plötzlich fällt mir nichts mehr ein. Es ist mir peinlich.

Die Autorin stellt weitere Fragen. Fragen, die man selbstverständlich beantworten können sollte – einen Teil weiß ich, einen Teil weiß ich nicht. Manches in meinem Kopf weckt altes Wissen, aber präzise und klar benennen kann ich vieles nicht.

Sie schreibt weiter: „Not surprisingly, most of the white students seated in the room are unable to answer the questions, while the Black students answer most of them successfully. Suddenly, those who are usually unseen become visible, while those who are always seen become invisible. Those who are usually silent start speaking, while those who always speak become silent. Silent, not because they cannot articulate their voices or their tongues, but rather because they do not possess that knowledge.”

Ich fühle mich in diesem Abschnitt mitgemeint. Spannenderweise beschäftige ich mich nun seit fast zwei Jahren intensiv mit den Auswirkungen von Rassismus und noch immer habe ich große Wissenslücken. Natürlich will ich es mir schön reden: „Ach, ich habe mich halt erst auf Sklaverei fokussiert. Ich blicke mehr auf die amerikanische und karibische Geschichte.“

Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, werde ich mit großer Sicherheit auch dort Fragen gestellt bekommen, die ich nicht beantworten könnte. Und wenn ich noch ehrlicher zu mir selbst bin, muss ich auch zugeben, dass ich mich in anderen Bereichen der Geschichte, der deutschen Geschichte, um Welten besser auskenne. Sei es das Mittelalter, der Holocaust oder die DDR.

„Who knows what? Who doesn’t? And why?” lautet der letzte Absatz in Grada Kilombas‘ Buch. Diese drei Fragen fassen zusammen, was mir auf meiner eigenen Lernreise immer deutlicher wird: Wie systematisch der Kolonialismus in meinen alten Schulbüchern, im Lehrplan, an der Universität, in Museen und Ausstellungen ausgeblendet wurde und wird. Erst letzte Woche habe ich das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg besucht und ärgerte mich darüber, dass man noch immer in einem Ausstellungstext von der „Entdeckung Amerikas durch Kolumbus sprach“. Warum ich mich ärgerte?

Gegenfrage: Wie kann man etwas entdecken, das längst existiert?

Die Bezeichnung „Entdeckung Amerikas“ ist problematisch. Sie vermittelt, dass der Kontinent vor Ankunft der Europäer leer oder unbewohnt gewesen sei – eine Annahme, die die Existenz und Kulturen der indigenen Bevölkerung ignoriert. Tatsächlich lebten in Amerika bereits Millionen Menschen, als Kolumbus dort ankam. Die Bezeichnung „Entdeckung“ verklärt und romantisiert. Was bleibt, ist eine Darstellung, die über die grausame Realität der Eroberung hinwegtäuscht.

Doch zurück zu meiner Wissenslücke. Ich entschloss mich, noch vor dem Weiterlesen zu recherchieren – auch aus dem Antrieb heraus, zukünftig benennen zu können, welche Kolonien Deutschland für sich beanspruchte.

Bei meiner Recherche wurde mir klar: Deutschland hatte viele Kolonien – mehr als mir bewusst waren. Dazu zählen unter anderem:

  • Ruanda
  • Kamerun
  • Papua-Neuguinea
  • Namibia
  • Burundi
  • Palau
  • Togo
  • Tansania
  • Marshallinseln

Ich fragte mich einen Moment, wie ich mir das wohl merken könnte. Dann fiel mir ein: Es gibt diesen Merksatz über die neun Planeten in unserem Sonnensystem. Wieso also nicht, dachte ich, eine ähnliche Eselsbrücke bauen? Und so entstand er, der Satz, um mir zu merken, welche Länder Deutschland kolonialisierte. Jedes Wort in diesem Satz steht für den Initial-Anfangsbuchstaben eines Landes, das Deutschland kolonialisierte:

Reichsbeamte kolonisierten, plünderten Naturschätze, betrieben Plantagen (und) töteten tausende Menschen.

Ein bisschen schwanger. Ein bisschen rassistisch.

Posted on 16. April 202524. April 2025 by Marie

Ich scrolle – wie täglich mehrfach – durch meine Social-Media-Plattformen. Ich bleibe hängen. Am Status eines weißen, männlich gelesenen Freundes von mir. Es ist ein Witz. Es ist ein rassistischer Witz.

Ich merke das, weil er mir direkt negativ aufstößt. Ich spüre Frustration, Ärger, Wut. Ich merke, dass er ein Thema anspricht, das für mich und meinen Partner immer wieder eine Rolle spielt: Fetischisierung. Und ich merke, dass mir das irgendwie direkt auf den Magen schlägt, mich unwohl fühlen lässt und mich ganz schnell fragen lässt: „Warum?“

Ich weiß, dass dieses Gefühl der ausschlaggebende Punkt sein wird, den Witz zu kommentieren. Ich weiß, dass diese Wut mich dazu bringt, unbequem zu werden. Aber ich weiß auch, dass es mich eine kurze Zeit Überwindung gekostet hat. Eben weil ich mich damit nicht in die Reihe der Personen stelle, die diesen Witz fröhlich aufnehmen und ihm sogar noch weiteren Brennstoff geben.

Ich seufze und klicke auf das Kommentarfeld, um in die Tasten zu hauen:

„Das Lesen deines Status lässt mich sehr unwohl fühlen. Er ist aus der Position einer weiß positionierten und männlich gelesenen Person mindestens kritisch, weil er einen Begriff, der in marginalisierten Communities mit rassistischen Machtverhältnissen, Diskriminierung und oft auch mit schmerzhaften Erfahrungen verbunden ist, verharmlosen und ins Lächerliche ziehen kann. Gerade der Begriff ‚Race Play‘ bezeichnet in sexuellen Kontexten das bewusste Nachspielen rassistischer Machtstrukturen, was für viele Betroffene mit Fetischisierung, realen Traumata und gesellschaftlicher Ausgrenzung einhergeht.

Ich kann nicht in der Rolle als Betroffene sprechen. Ich spreche nicht für die Gruppe. Ich verstehe mich eher als Beobachterin und Lernende und kann daher nur auf die Perspektive hinweisen, die eben kollektiv und nicht individuell ist, sie aber nicht vertreten.“

Ich klicke auf Senden. Ich fühle mich gut. Ich habe nicht geschwiegen. Ich weiß aber auch, dass ich vor zwei Jahren geschwiegen hätte. Gelacht hätte. Vielleicht ebenso fröhlich wie andere weiße Menschen kommentiert hätte. Ich bin nicht unschuldig und ich war es nie. Ich weiß auch, dass ich insbesondere in meiner Kindheit viele Witze gemacht und dabei auch das N-Wort genutzt habe. Darauf bin ich nicht stolz, aber ich weiß, ich habe es gemacht.

Und damit habe ich signalisiert, dass es in Ordnung ist, diese Art von Witzen zu machen. Dass es in Ordnung ist, Begriffe zu wählen, die verletzen. Dass es in Ordnung ist, sich die Macht herauszunehmen, das als weiße Person tun zu dürfen. Ich weiß heute aber auch, wie viele Menschen dadurch verletzt wurden. Wie viele Menschen traurig sind, Schmerzen haben und leiden.

Das weiß ich, weil ich eine andere Perspektive bekomme – durch mein aktives Lernen und Zuhören. Und ich weiß auch, dass das nie aufhört.

Ich habe einen Moment, in dem ich stolz bin, dass ich nicht geschwiegen habe. Kurze Zeit später lese ich im Buch von Tupoka ihr Kapitel ‚White Silence‘: „White Silence wirkt, wenn dein Kumpel einen rassistischen Witz macht und du nichts sagst.“ Es lässt mich gut fühlen, dass ich laut und unbequem war und nicht leise.

Und doch frage ich mich: „Ist das ‚White Knighting‘ oder White Saviorism‘?“ Auch wenn ich so etwas kritisiere, bin ich unsicher. Dann kommt der nächste Gedanke, der mir Klarheit verschafft: Als ich darüber schreiben wollte, tippte ich zunächst, dass ein Bekannter einen „ein bisschen rassistischen Witz“ gemacht habe. Und da ist er, der ‚White Tribalism‘. Der Mechanismus, der meinen Bekannten in Schutz nimmt, die Wirkung der Aussage herunterspielt. Denn irgendwie möchte ich für einen kurzen Moment, den Witz als nur ein bisschen rassistisch und nicht als eindeutig rassistisch einordnen. Vielleicht, um meinen eigenen Stamm zu schützen. Ich weiß nicht genau, woher das kommt, was da zusammenspielt, welche Neuronen sich verbinden. Aber ich werde mir bewusst, wie viel Komplexität alleine in diesen letzten zehn Minuten der Reflexion stecken.

Und eines habe ich definitiv gelernt: Man ist nicht „ein bisschen schwanger“. Man ist schwanger – oder eben nicht. Genauso wenig gibt es eine Aussage, die „nur ein bisschen rassistisch“ ist. Eine Aussage ist rassistisch – oder nicht. Sie wirkt – oder nicht.

Dankbar für einen guten Freund

Posted on 7. April 202516. April 2025 by Marie

Auch heute gehe ich dankbar aus einem intensiven Gespräch hervor – einem weiteren Dialog mit meinem besten weißen Freund über Antirassismus. Seitdem ich etwa die Hälfte von Tupoka Ogettes Buch „Und jetzt du. Zusammen gegen Rassismus“ gelesen habe, fühle ich mich sprachlich sicherer in solchen Diskussionen. Auch dieses Buch habe ich gelesen, bearbeitet, mir viele Gedanken gemacht, Gespräche geführt. Und mich anschließend in ihrer Akademie angemeldet.

Dennoch blieb ich in Diskussionen oft sprachlos handlungsunfähig. Ratlos. Nicht ausdrucksstark. Machtlos. Nicht selten sprachen wir am Ende über die Gefühle meiner Freund*innen, wenn es zuvor um Rassismus ging. Ebenso häufig erlebte ich, dass Kolleg*innen die Art und Weise nicht gefiel, wie ihnen Wissen über Rassismus vermittelt wurde. Nicht selten stellte ich mir nach solchen Gesprächen Fragen wie „Wie intiiere ich ein Antirassismus-Gespräch, das nicht eine Abwehrhaltung auslöst?“, „Wie gelingt es mir, ein gutes Gespräch über Anti-Rassismus zu intiieren, in dem nicht Menschen plötzlich von ihren Diskriminierungen erzählen?“ oder „Wie verhalte ich mich, wenn ich plötzlich die Böse bin, nachdem ich Rassismus angesprochen habe?“  

Wie wirkmächtig all diese Strategien sind, ist mir erst bewusst geworden, als ich mehr und mehr solcher Gespräche geführt habe. Dinge, die passieren, wenn ich das böse R-Wort in den Mund nahm, waren plötzlich nicht mehr nur die Ausnahme, sondern die Regel.

Was all dies genau im Detail ist und wie man das benennt, verstehe ich erst so richtig, seit ich Tupokas Buch gelesen habe. Im Einzelnen waren mir diverse Mechanismen schon bekannt, aber die Aneinanderreihung in diesem Buch war für plötzlich ein Aha-Erlebnis. Denn sie zeigten mir, dass diese eben immer und immer wieder und sogar in Summe in nur einem Gespräch aufkommen können.

Und nun ergab auch der Titel des Buches für mich Sinn. Wieso das Wort „Zusammen“ erst jetzt gewählt wurde. Dass wir „Zusammen gegen Rassismus“ sein können, setzt voraus, dass wir uns zunächst mit unserer eigenen Sozialisierung auseinandersetzen. Und dies führte eben auch bei mir zur Erkenntnis, dass ich zuvor selbst diese Abwehrmechanismen, die ich heute in meinem Umkreis erlebe, aktiv eingesetzt habe. Aktiv, weil es mir unangenehm war. Weil ich doch nicht rassistisch sein konnte. Weil ich es doch gut meine.

Ohne diese Dekonstruktion – ohne anzuerkennen, dass Rassismus ein institutionelles, historisches und systematisches Geflecht ist – bleiben wir in individuellen Schuldzuweisungen stecken.

Ein verbreiteter Trugschluss ist die Annahme, eine passive Ablehnung von Rassismus („Ich bin dagegen!“) genüge. Wie Ogette treffend formuliert, wird diese Haltung oft zum „[…] Freifahrtschein für alles, was danach gesagt oder getan wird […]“. Sie verleitet zur Überzeugung, man könne als „guter Mensch“ keine rassistischen Muster reproduzieren – ein Irrglaube, der Debatten bereits im Ansatz erstickt.

Das musst ich auch erst einmal sacken lassen. Und die Einsicht war ein schmerzhafter Prozess. Was ich lernen musste, war, zuzugeben, dass ich trotz klarer antirassistischer Haltung rassistische Strukturen reproduziert habe. Unangenehm. Einfach unangenehm.

Ich habe insbesondere dann reproduziert, wenn ich meine Intension der Wirkung über gestellt habe. Reproduziert, weil ich ja moralisch nicht verwerflich bin, ich handle ja schließlich nicht bösartig. Und reproduziert, weil ich rassistische Erfahrungsberichte unter individueller Erfahrung abgespeist habe.

Aber Rassismus ist eben mehr als das: Rassismus ist auch die tiefe gesellschaftliche Sozialisierung. Institutionell, systematisch und historisch.

Wenn wir weiße Menschen Menschen über ihrer rassistische Erfahrung sprechen hören, dann denken wir oft, dass das eine individuelle Erfahrung ist. Doch diese Erfahrung wird immer und immer wieder gemacht – und das wichtige ist dabei: man kann sich nicht entscheiden als BIPoC, wann man diese Erfahrung macht. Als weißer Mensch dagegen hast du das Privileg, dich entscheiden zu können, wann du dich mit Rassismus auseinander setzt und wann nicht.

Wenn wir weiße Menschen Menschen über ihre rassistische Erfahrung sprechen hören, dann sagen wir auch oft, „es war ja nicht so gemeint“ oder „meine Intention war aber eine ganze andere“. Ja, das mag sein, nichts desto trotz sorgt das aber in einem Gespräch für zwei Dinge: Erstens, der Fokus wird wieder auf deine, die weißen Gefühle gelenkt und zweitens, wir stellen Absicht über Wirkung. Ogettes Fuß-Metapher verdeutlicht dies: Ob jemand absichtlich oder unabsichtlich über einen Fuß fährt – der Schmerz bleibt gleich. Die Wirkung ist entscheidend, nicht die Motivation.

Wenn wir weiße Menschen Menschen über ihre rassistische Erfahrung sprechen hören und dies unabsichtlich geschehen ist, dann war das ja zwar moralisch vielleicht nicht optimal, aber dennoch nicht verwerflich, weil es ja nicht bösartig war. Die Bösartigkeit hinter dem Geschehenen ist die Voraussetzung für die moralische Bewertung. Und kaum einer würde sich wohl freiwillig als moralisch verwerflich darstellen.

All diese Themen legte ich heute mit meinem besten Freund in einem Gespräch auf den Tisch. Und es war ein verdammt gutes Gespräch. Weil wir beide nachgedacht. Zugehört. Voneinander gelernt und anerkannt haben. Wir haben zugehört und geglaubt. Wir haben uns gegenseitig über unsere Gefühle informiert. Wir haben gesagt, dass es weh tut. Unbehagen bereit. Und einen inneren Konflikt verursacht. Und das das unangenehm ist,  auszuhalten.

Und dafür bin ich verdammt dankbar. Für einen weißen männlichen Freund, der versteht, was und wie seine Worte eine Auswirkung haben können. Der versteht, dass es in Ordnung ist seine weißen Gefühle auch zu berichten, aber damit nicht abzulenken. Der versteht, was „What Aboutism?“ ist und „Derailing“. Der versteht, dass mir der Kampf für ein anti-rassistisches Leben wichtig ist. Der sich Zeit nimmt. Der mir zuhört. Und nichts anderes wünsche ich mir manchmal: Das weiße Menschen, bevor sie in Erklärungsversuche, in Verteidigung, in die Beschreibung ihrer Absicht, in Ablenkung verfallen, durchatmen. Aushalten. Verstehen. Anerkennen. Glauben.

Denn damit wird die Welt für mich und meinen Partner ein klitzekleines bisschen leichter. Weniger schwer. Hoffnungsvoller.

Die vergessene Revolution

Posted on 9. Februar 202516. März 2025 by Marie

Auf die Frage, was die Menschen in Deutschland über Haiti wissen sollten, antwortete mir der Besitzer einer haitianischen Bar in London: „Die Geschichte“. Er wuchs in Haiti auf, zog als Jugendlicher nach Frankreich und stellte dort fest, dass die französischen Schulbücher die haitianische Geschichte ausließen.

Das Gespräch fand in der Tiki Bar statt. Im Rahmen eines Kurztrips nach London stoppte ich dort kurz und es ergab sich neben einem guten Essen ein wundervolles Gespräch. Als er in jungen Jahren nach Frankreich aus Haiti kam, erlebte er dort eine Realität, die im Widerspruch zu dem stand, was er in Haiti gelernt hatte. Er erzählte mir, dass die französischen Schulbücher die haitianische Geschichte völlig ausblendeten.

Er betonte, dass die Menschen – weder in Frankreich noch in Deutschland – ohne dieses Wissen niemals verstehen könnten, warum Haiti heute so ist, wie es ist. Haiti ist eines der ärmsten Länder in der Karibik. Aber warum eigentlich?

Warum zählt Haiti heute zu den ärmsten Ländern der westlichen Hemisphäre?

Um das zu verstehen, müssen wir einen Blick in die Geschichtsbücher werfen. Haiti war das erste Land Lateinamerikas, das sich aus dem Kolonialstatus befreite und 1804 seine Unabhängigkeit von Frankreich erlangte – durch die Haitianische Revolution. Sie war der größte und erfolgreichste Sklavenaufstand innerhalb westlichen Kolonien. Menschen forderten ihre Freiheit. Ein Recht, das jeder Mensch haben sollte.

Doch die Unabhängigkeit sollte einen hohen Preis haben. Frankreich zwang das Land unter Androhung von Gewalt zu Ausgleichszahlungen für die ehemaligen Sklavenhalter.

Nicht nur, dass die Sklavenhaltung von wirtschaftlichem Interesse war, nein, auch die Sklavenbefreiung war von wirtschaftlicher Ausbeutung geprägt. Die Haitianische Revolution zerstörte den Sklavenmarkt Amerikas und befreite immerhin eine halbe Million Menschen aus der Sklaverei.

Da die Sklavenhaltung in Amerika maßgeblich zum Wohlstand und Aufbau des Landes beitrug, musste ein Weg gefunden werden, weiterhin den wirtschaftlichen Status Quo aufrecht zu erhalten. Das Ende der Sklaverei stellte schließlich eine ernsthafe Bedrohung dar. Somit dienten die Zahlungen der Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Machtposition.

Diese Zahlungen belasteten die Wirtschaft Haitis enorm und trugen zur Armut des Landes bei. Frankreich akzeptierte Haitis Unabhängigkeit erst 1825 unter der Bedingung dieser sogenannte Entschädigungsleistungen. Wohl gemerkt, Entschädigungsleistungen für Frankreich – nicht etwa die Menschen, die zur Skalverei gezwunden wurden.

Moment mal? Erst werden die Menschen verschleppt und versklavt und dann bezahlen sie anstatt das man sie entschädigt?

Ja genau so ist es.

Haiti konnte diese Schulden erst 1947 begleichen. Die Kolonialherren hinterließen darüber hinaus eine einseitige Wirtschafts- und Sozialstruktur, die auf den Export ausgerichtet waren, so dass trotz der Unabhängigkeit eine wirtschaftliche Abhängigkeit der westlichen Länder vorherrschte.

Diese lange finanzielle Belastung verhinderte die wirtschaftliche Entwicklung und den Aufbau eines unabhängigen Staates. Bis heute hat Haiti weder eine formelle Entschuldigung noch eine Entschädigung für die erlittene Sklaverei und die ungerechten Zahlungen erhalten.

Diese Geschichte ist in der DNA vieler Haitianer*innen und es prägt sie. Es macht sie stolz, zugleich traurig, dass dieser Teil in Europa kaum bekannt ist. In Geschichtsbüchern? Nie erwähnt. Nein, viel mehr lernen wir weiße Menschen, dass Kolumbus ja Amerika entdeckt hat – doch ich frage mich mittlerweile, je mehr ich mich mit Sklaverei, der haitianischen Revolution und dem transatlantischen Sklavenhandel auseinandersetzte: Wie kann man etwas entdecken, das schon existierte?

Die ungerechte Verteilung

Posted on 15. Februar 202516. März 2025 by Marie

Als ich das erste Mal einen Blick auf die Inhaftierungsraten verschiedener ethnischer Gruppen in den USA war, brannte sich mir eine Zahl ins Gedächtnis: Schwarze Menschen machen in den USA etwa 13 % der US-Bevölkerung, aber über 30 % der Gefängnisinsassen. Wie konnte das sein?

Diese Zahl erfasste ich in einem Seminar der Rechtswissenschaften. Dort wurden nicht nur die deutschen Straf- und Inhaftierungssystematiken hinterfragt, sondern wir warfen auch einen Blick auf die Inhaftierungsraten verschiedener ethnischer Gruppen in den USA.

Ich fragte mich: „Wie kann das sein?“. Und dies war der Moment, in dem meine Neugierde siegte und ich mich mehr begann für Schwarze Geschichte zu interessieren. Mein Weg führte mich zur Erkenntnis der Kriminalisierung und Stigmatisierung der schwarzen Bevölkerung, hin zum systematischen – und bis heute vorherrschenden – Rassismus in den USA.

Bis dato hatte ich keinen ernsthaften aufrichtigen anderen Anzeiz, mich wirklich mit Rassismus auseinanderzusetzen. Bis dato, dachte ich, reicht es aus Rassismus zu verurteilen. Heute weiß ich, es reicht nicht aus. Die volle Wucht der Wirkungsmacht  habe ich erst verstanden, als ich mich intensiv mit der Geschichte der Sklaverei, des Kolonialismus und der Kriminalisierung ganzer Bevölkerungsgruppen auseinandersetzte.

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